Verblödung mit System PDF Drucken E-Mail
Dienstag, den 02. Februar 2010 um 15:58 Uhr

mississippiVerblödung mit System – Kurt Kotrschal ist Zoologe an der Uni Wien und Leiter der Konrad-Lorenz-Forschungsstelle in Grünau. Der Kommentar erschien am 20. Juli 2009 in der „Presse“.

Der Mississippi - ein europäischer Fluss? Das glaubt ein beträchtlicher Teil der Viertklassler einer mir bekannten Hauptschullehrerin. Wäre vor 30 Jahren nicht passiert, meinte ich vollmundig.

Schon um 1960 bin ich mit dem Fernsehen aufgewachsen, aber was war damals im einzigen Kanal zu sehen? Nachrichten, Dokus, Oper und Theater, kaum aber Shows; und wenn, dann knifflige Quizsendungen (ä la ,,Quiz21“). Und die Kids von heute? Wenn überhaupt Fernsehen, dann konsumieren sie fast ausschließlich „Unterhaltung", Soaps, Videoclips etc.

Noch mehr Zeit verschlingen Chatten, Spielen und Surfen auf der großen Welt-Info-Halde.
So fließt der Mississippi nun eben in Europa. Und wie der Bundeskanzler heißt oder irgendein Minister? Wurscht, Hauptsache gewählt wird mit 16. Wunderbar eigentlich, denn nur wenn möglichst viele Leute glauben, wirklich alles sei relativ, sind sie als Gruppe auch problemlos manipulierbar.

So wundert es im Lichte der galoppierenden Massenverblödung auch nicht, dass die eigene Meinung zunehmend zum froschperspektivischen Maßstab wird. Relativieren ist längst aus der Mode, aufgrund fehlender Bildung auch nicht länger möglich. In allen Domänen der Gesellschaft sticht die Präpotenz der ungebildeten Selbstdarsteller. Wer aus dem Heer der Trivial-Pursuit-Gebildeten sollte sie durchschauen, gar kontrollieren bzw. korrigieren? Und welcher Gebildete käme heute noch in den Parteiapparaten nach oben? So dominiert der Bauch das Hirn, das Haben das Wissen, und die Mogelpackung wird zum Standard. Bezeichnend, dass Quacksalbereien (pardon: „alternative Methoden") der Schulmedizin zunehmend gleichgestellt werden; was zählen schon wissenschaftliche Erkenntnisse, wenn ich anderer Meinung sein will? Die massenmedial vermittelte Bildungsferne erhebt den Wohlfühlfaktor zum einzigen Maßstab aller Bereiche in einer nur vordergründig individualisierten Gesellschaft, in der in Wahrheit das ungebildete Individuum gleichgeschalteter funktioniert als je zuvor. Die Ideologien der Vergangenheit sind kläglich daran gescheitert, einen „Neuen Menschen" nach hehren Idealen zu schaffen.

Unsere Konsum- und Spaßgesellschaft war da viel effizienter. Befreit von den alten Idealen, entwickelte sich eine Art hedonistischer Vasallengesesellschaft, in der Arbeitnehmer und Konsumenten eilfertig das tun und kaufen, was der Oligarchenfilz aus Wirtschaft und Politik will.

Die Bürgergesellschaft gerät zum gefährdeten Restbiotop. Weil die Politik Wohlfühlfaktor sein muss, blüht in allen Parteien der Populismus. Wahre Reformen, sei es in Verwaltung oder im Gesundheits- oder Bildungsbereich, sind schlicht nicht mehr möglich. Das große Ganze interessiert jene jungen und alten Egoisten an den Knotenpunkten der Macht schon lange nicht mehr; oder sie sind zu ungebildet, es zu sehen. Klar, was Individuum und Familie versäumen, kann auch die beste Schule nie aufholen. Aber versuchen muss man es, sonst setzen sich die Staatsmächtigen dem bösen Verdacht aus, die Massenverblödung wäre im Grunde gewollt.

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