Liebe republik Österreich! PDF Drucken E-Mail

Du wurdest am 12. November 94 Jahre alt, und keiner weiß es. Weil Sie dich alle so lieben, weiß niemand, was du durchgemacht und erlebt hast.

Du bist das Ergebnis parteipolitscher Arroganz und Hirnwichserei. Du erlaubst es, dass sich deine Politiker wieder an Berlin anbiedern und man von bosnischen und kroatischen Studierenden Euro 730,– Studiengebühren verlangt.

Du lockst mit deinen klaren Seen, hohen Bergen, schönen Städten, bezaubernden Landschaften, deiner langen Geschichte und der heilen Welt.

Doch um es mit den "Prinzen" zu sagen: "Es ist alles nur geklaut!"

Die Geschichte interessiert dich nur dann, wenn man damit Geld verdienen kann, dein Ruf ist nicht schlecht, aber du tust nichts dafür, den alten guten Ruf, den Du ob der Namensgleichheit von einem anderen Staat geerbt hast, auszubauen und zu erweitern.

Du siehst zu, wie Leute in diesem Land diskriminiert werden und vertrieben wurden, weil sie andersgläubig waren oder nicht deine Sprache sprechen.

Du gestattest es, dass die Parteien sich ruchlos an dir bedienen und deine eigene Integrität untergraben und aushöhlen, sodass unser Land moralisch verkommt und Patrioten als Idioten bezeichnet werden.

Du hast viele Schwächen der alten Monarchie geerbt, ohne ihre Stärken mitzunehmen, aber du bist ja das Ergebnis einer Lüge und falscher Versprechungen, musstest bezahlen, für die Dinge die du formal nicht begangen hast. Du warst eigentlich immer nur ein Land ohne tieferen Sinn, denn diesen haben dir die Parteien gegeben, denn du bist ihr Land – nicht das deines Volkes.

Natürlich kannst du nichts dafür, du bist nur das Gebilde, das vom einst so schillernden Österreich seinen Namen erhielt.

Natürlich warst du das geistige Überbleibsel eines nur begrenzt emanzipierten Volkes, das versuchte, in dir seine verlorene Heimat zu rekonstruieren und nach neuen gewählten Kaisern suchte und diese nie wirklich fand.

Und du musstest schwere Bürden aus frühen Ahnentagen tragen, seien es Schulden oder Hoffnungen. Du hast beides weder bezahlt noch erfüllt.

Du bist das Ergebnis eines Experimentes der Respekt- und Ratlosigkeit, nationaler und ethnischer Bestrebungen einiger Dummer, die wir heute für so gescheit halten.

Ich danke dir, dass du mir ein Zuhause gibst und deine Parteien mich zur Opposition erzogen haben. Irgendwann einmal wirst auch du wieder eine Heimat finden und mit den Ländern eine Synergie eingehen, von denen du dich emanzipiert hast, du bist das Land der geschlagenen Hunde, des Wirtschaftswunders, der Bananenrepublikaner, der begrenzten und kleinen Hoffnung und die Heimat überzeugter Monarchisten, die wissen, dass du nur ein Provisorium bist.

In diesem Sinne alles Gute, liebe republik. Und keine Sorge: das Interregnum ist bald vorüber.