Meritokratie und Demokratie PDF Drucken E-Mail

Gastkommentar von Dr. Wolfgang Caspart

Lassen sich öffentlich anerkannter Verdienst (Meriten) und Volksherrschaft miteinander vereinen? Da die Oligarchie unserer Parteienvertreter selbst aus dem Volk kommt, ist die Herkunft daraus wohl das für die Demokratie Entscheidende. An eine direkte Demokratie denkt ohnehin niemand, am wenigsten die parlamentarischen Volksrepräsentanten selber, und die Abgeordnetenfraktionen regieren an Volkes statt. Die "politische Klasse" rekrutiert sich aus dem Volk und das genügt demokratisch offenbar.

UNSERE "ELITE" HAT VOR ALLEM IHR EIGENINTERESSE IM SINN
Wie steht es also um die Qualität der regierenden „demokratischen Elite" (Bachrach 1970)? Elite heißt Auslese, und wer in sie hinein kommen will, muß sich den Strömungen und Geflogenheiten der bereits Herrschenden anpassen. Es genügt nicht, einer Partei anzugehören, man muß darin die richtige Seilschaft finden, in sie hineinkommen und sich mit ihr wie in ihr hochturnen. Das Kriterium für den Weg an die Spitze liegt also in der Gruppendynamik und keinem speziellen Fachwissen oder sachlichen Berufsleistung, wenn solche überhaupt noch vor dem Eintritt in den politischen Konkurrenzkampf je erarbeitet werden konnten.

Die Lobbys und Parteien, die selbst wieder Lobbys darstellen, haben vorrangig und imgrunde allein ihr Eigeninteresse im Sinn und den nächsten Wahltermin im Auge. Deshalb manipuliert jede oligarchische Fraktion den "Demos", das Volk, und stachelt die Erwartungshaltungen der breiten Masse durch sich überbietende Versprechungen immer höher bzw. ins Unerfüllbare an. Das Volk glaubt nicht mehr an seine Vertreter, verachtet sie und wählt schon längst nur noch das vermeintlich geringere Übel (Caspart 2008, S. 57-69). Die Parteipolitik verdirbt den Charakter und erzeugt eine gesinnungsmäßig deformierte und sachlich inkompetente politische "Elite". Persönlichkeiten von Verdienst und Selbstachtung scheuen immer mehr den Weg in eine solche Politik, wodurch diese noch weiter an Niveau und Sachverstand verliert. Indem jede Wahl des geringeren Übels am herrschenden System nichts ändert und die Anti-Elite insgesamt aufs neue bestätigt, potenziert sich das politische Versagen.

QUALITÄT STATT PÖBELHERRSCHAFT
Der Systemfehler liegt damit offensichtlich in der methodenimmanent falschen Auslese des politischen Führungspersonals. Auch in der Demokratie findet keine Ausnahme vom „ehernen Gesetz der Oligarchie" (Michels 1911) statt, sodaß sich die Frage nach einer Alternative zur ochlokratischen (pöbelherrschaftlichen) Legitimierung und Auswahl der politischen Klasse stellt. Wenn wie gesagt die Rekrutierung aus dem Volk für den demokratischen Charakter schlechthin entscheidend ist, gilt es lediglich, bessere Auswahlverfahren für das Spitzenpersonal zu finden, um die Demokratie beizubehalten, sie aber effektiver und lösungskompetenter zu machen. Was liegt also näher, Amtsträger aufgrund öffentlichen Verdienstes und allgemein anerkannter Leistungen in Führungsfunktionen zu berufen statt aufgrund der Aufdringlichkeit von Popularitätshaschern?

Natürlich erheben sich damit einige Fragen. Zunächst einmal, wie groß ist denn überhaupt die politische Klasse? Ihre Kopfzahl hat der bekannten Verwaltungsrechtler Hans Herbert von Arnim (2000) für die demokratische Mittelmacht Deutschland mit 17.000 angegeben. Also ein bloßes Fünftel einer Promille der Gesamtbevölkerung. Selbst wenn man für jeden dieser Politiker noch weitere - unrealistisch viel vier Personen rechen möchte, kommt man auf maximal ein Promille. Um das Wohlbefinden dieses Tausendstels dreht sich also das ganze aufgeblasene Theater der "repräsentativen Demokratie" herum, welches aber das Leben der angeblich freien und mündigen Bürger massiv beeinflusst. Der alte Adel war im übrigen auch nicht größer (laut der Ausstellung "Adel in Bayern" 2008 in Bayern heute 9.000 Adelige auf 12 Millionen Einwohner). Im konfuzianischen China mit 300 Millionen Einwohnern fand man mit 7.000 Zivilmandarinen und 4.000 Militärmandarinen das Auslangen

DAS RESERVOIR DER LEISTUNGSTRÄGER
Wer Sachkompetenz anstelle von Demagogie will, muß sich natürlich fragen, wie solche Leistungen und Fähigkeiten gemessen und bewertet werden sollen. An historischen Vorbildern drängt sich natürlich das rigide System der konfuzianischen Beamten- bzw. Gelehrtenprüfungen auf, welches für alle Schichten offen stand und damit ein demokratisches Element im chinesischen Absolutismus bildete. Ähnlich können die französischen Écoles Superieures gesehen werden, deren Absolventen in Bürokratie und Regierung ganz maßgebend vertreten sind. Sogar der aus dem Wehrstand kommende alte Adel Europas war ursprünglich eine kriegerische Meritokratie (Herrschaft der Verdienstvollen, konkret der Tüchtigen und Tapferen), in Japan ähnlich. Heute noch sind alle hierarchisch gegliederten Organisationen, bei denen es wirklich auf Leistung ankommt (z.B. Wirtschaftsunternehmen), meritokratisch aufgebaut. Die meisten Staaten fördern ausgezeichnete Studienleistungen, als Beispiel seien die österreichischen sub-auspiciis-Promoventen genannt - in ihren Händen wäre der Staat bestimmt nicht schlecht aufgehoben als bei dilettierenden Parteipolitikern, die zwar zu allem eine Meinung, aber kaum von etwas eine Ahnung haben. Eine andere Methode der Elitefindung wäre es, einfach den Intelligenzquotienten zu ermitteln (Herrnstein 1974).

Dagegen wäre einzuwenden, dass formale Bildung und akademische Qualifikationen zwar gute Voraussetzungen, aber keine Garantie für spätere Verdienste mit sich bringen. Im künstlerischen, kaufmännischen, industriellen, militärischen und auch handwerklich-technischen Bereich können herausragende Leistungen erzielt werden, die sich nicht notwendigerweise oder linear auf Bildungsqualifikationen zurückführen lassen. Deren Vertreter gehören aber gleichfalls in das Reservoir der Leistungsträger aufgenommen, auf die meritokratisch nicht verzichtet werden kann.

Im Verwaltungsbereich und auf unterer bis mittlerer politischer Ebene können sich Personen hocharbeiten, die ihre Leistungsfähigkeit in Studium oder praktischer Berufsarbeit bewiesen haben. Ihre Aufnahme in die meritokratische Laufbahn kann durch ältere, erfahrenere und vorgesetzte Amtsträger vorgenommen werden. Wer aber beruft auf die obersten Ebenen, wo die Luft bekanntlich dünner wird? Dazu bedarf es einer allgemein anerkannten Autorität, sei sie eine Einzelperson (Präsident, Monarch) oder ein "Direktorium". Die nötige Autorität kann auf dem Charisma einer herausragenden Leistung oder einer einzigartigen Institution beruhen. Beide kommen aus dem Volk und sind also demokratisch legitimiert.

MERITEN ODER GEHEUCHELTE PHRASEN
Der Begriff des Politischen verschwindet auch in der Meritokratie nicht, und die Politik bleibt erhalten. Nebenbei bemerkt waren auch unsere früheren Führungsschichten (Adel und Großbürgertum wie auch die Geistlichkeit) Teil unserer Völker. Genausowenig verschwand im konfuzianischen China die Politik. In der Meritokratie wird es spannend bleiben, bloß das Niveau und die Lösungsfähigkeit würden steigen. An die Stelle phrasendreschender und heuchlerischer Selbstdarsteller könnten Leistung und Verdienst treten. Schlecht? Im Gegenteil, notwendig, sieht man sich das Versagen der gegenwärtigen politischen Klasse an.

Man braucht nicht immer wieder das Rad neu zu erfinden, auch wenn dies die Lieblingsbeschäftigung halbgebildeter Reformtheoretiker zu sein scheint. Aus dem Repertoire der Vorbilder kann ruhig geschöpft und eine passende Mixtur zusammengestellt werden. So begeistert eilen nirgendwo die Stimmbürger zu den Urnen, um das jeweils geringere Übel zu erküren, als dass man Wahlparlamente gefüllt mit Parteisoldaten nicht durch Senate mit verdienstvollen und leistungsbewährten Persönlichkeiten ersetzen könnte. Diese Instanzen könnten auch kleiner gehalten werden, denn in einer Meritokratie besteht keine Notwendigkeit, eine Unzahl fachlich überflüssiger Parteifunktionäre zu versorgen.

Staaten und Gesellschaften stehen und fallen mit ihrem Führungspersonal. Über Organisationsweisen nachzudenken, ist keine Entwicklung von Utopien. Überhaupt heißt "Utopie" das "Land nirgendwo". Die Meritokratie beherrscht aber immer noch weite Teile unseres Lebens, nur leider nicht mehr die heutige Politik, die sich nach innen der Intrige und nach außen der Demagogie verschrieben hat. Eine Herrschaft der Verdienstvollen kann also keine Utopie sein und ist äußerst realistisch. Sogar in der Vormacht der Demokratie, den USA, trägt die herrschende Plutokratie deutlich meritokratische Züge, nur die europäische Politik ist von Vergleichbarem nicht geprägt. In welcher Form auch immer, die Qualität sollte wieder Vorrang vor der Quantität genießen. Vor allem aber ist die Meritokratie demokratisch und eine echte Chance für das Überleben der Demokratie.

LITERATURNACHWEIS
Hans Herbert von ARNIM: Wie aus der Krise eine Chance werden kann. Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 11.2.2000. Zitiert aus dem Deutschland-Journal, Hamburg 2000, S. 4.

Peter BACHRACH: Die Theorie demokratischer Elitenherrschaft. Kritische Studien zur Politikwissenschaft. Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt a.M. 1970.

Wolfgang CASPART: Das Gift des globalen Neoliberalismus. Mit Turbokapitalismus in die Krise. Amalthea Signum Verlag, Wien 2008.

Richard J. HERRNSTEIN: Chancengleichheit eine Utopie? Die IQ-bestimmte Klassengesellschaft. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1974.
Robert MICHELS: Zur Soziologie des Parteiwesens in der modernen Demokratie. Zuerst 1911. Kröner Verlag, Stuttgart 1970.

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