| Meritokratie und Demokratie |
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Gastkommentar von Dr. Wolfgang Caspart Lassen sich öffentlich anerkannter Verdienst (Meriten) und Volksherrschaft miteinander vereinen? Da die Oligarchie unserer Parteienvertreter selbst aus dem Volk kommt, ist die Herkunft daraus wohl das für die Demokratie Entscheidende. An eine direkte Demokratie denkt ohnehin niemand, am wenigsten die parlamentarischen Volksrepräsentanten selber, und die Abgeordnetenfraktionen regieren an Volkes statt. Die "politische Klasse" rekrutiert sich aus dem Volk und das genügt demokratisch offenbar. UNSERE "ELITE" HAT VOR ALLEM IHR EIGENINTERESSE IM SINN Die Lobbys und Parteien, die selbst wieder Lobbys darstellen, haben vorrangig und imgrunde allein ihr Eigeninteresse im Sinn und den nächsten Wahltermin im Auge. Deshalb manipuliert jede oligarchische Fraktion den "Demos", das Volk, und stachelt die Erwartungshaltungen der breiten Masse durch sich überbietende Versprechungen immer höher bzw. ins Unerfüllbare an. Das Volk glaubt nicht mehr an seine Vertreter, verachtet sie und wählt schon längst nur noch das vermeintlich geringere Übel (Caspart 2008, S. 57-69). Die Parteipolitik verdirbt den Charakter und erzeugt eine gesinnungsmäßig deformierte und sachlich inkompetente politische "Elite". Persönlichkeiten von Verdienst und Selbstachtung scheuen immer mehr den Weg in eine solche Politik, wodurch diese noch weiter an Niveau und Sachverstand verliert. Indem jede Wahl des geringeren Übels am herrschenden System nichts ändert und die Anti-Elite insgesamt aufs neue bestätigt, potenziert sich das politische Versagen. QUALITÄT STATT PÖBELHERRSCHAFT Natürlich erheben sich damit einige Fragen. Zunächst einmal, wie groß ist denn überhaupt die politische Klasse? Ihre Kopfzahl hat der bekannten Verwaltungsrechtler Hans Herbert von Arnim (2000) für die demokratische Mittelmacht Deutschland mit 17.000 angegeben. Also ein bloßes Fünftel einer Promille der Gesamtbevölkerung. Selbst wenn man für jeden dieser Politiker noch weitere - unrealistisch viel vier Personen rechen möchte, kommt man auf maximal ein Promille. Um das Wohlbefinden dieses Tausendstels dreht sich also das ganze aufgeblasene Theater der "repräsentativen Demokratie" herum, welches aber das Leben der angeblich freien und mündigen Bürger massiv beeinflusst. Der alte Adel war im übrigen auch nicht größer (laut der Ausstellung "Adel in Bayern" 2008 in Bayern heute 9.000 Adelige auf 12 Millionen Einwohner). Im konfuzianischen China mit 300 Millionen Einwohnern fand man mit 7.000 Zivilmandarinen und 4.000 Militärmandarinen das Auslangen DAS RESERVOIR DER LEISTUNGSTRÄGER Dagegen wäre einzuwenden, dass formale Bildung und akademische Qualifikationen zwar gute Voraussetzungen, aber keine Garantie für spätere Verdienste mit sich bringen. Im künstlerischen, kaufmännischen, industriellen, militärischen und auch handwerklich-technischen Bereich können herausragende Leistungen erzielt werden, die sich nicht notwendigerweise oder linear auf Bildungsqualifikationen zurückführen lassen. Deren Vertreter gehören aber gleichfalls in das Reservoir der Leistungsträger aufgenommen, auf die meritokratisch nicht verzichtet werden kann. Im Verwaltungsbereich und auf unterer bis mittlerer politischer Ebene können sich Personen hocharbeiten, die ihre Leistungsfähigkeit in Studium oder praktischer Berufsarbeit bewiesen haben. Ihre Aufnahme in die meritokratische Laufbahn kann durch ältere, erfahrenere und vorgesetzte Amtsträger vorgenommen werden. Wer aber beruft auf die obersten Ebenen, wo die Luft bekanntlich dünner wird? Dazu bedarf es einer allgemein anerkannten Autorität, sei sie eine Einzelperson (Präsident, Monarch) oder ein "Direktorium". Die nötige Autorität kann auf dem Charisma einer herausragenden Leistung oder einer einzigartigen Institution beruhen. Beide kommen aus dem Volk und sind also demokratisch legitimiert. MERITEN ODER GEHEUCHELTE PHRASEN Man braucht nicht immer wieder das Rad neu zu erfinden, auch wenn dies die Lieblingsbeschäftigung halbgebildeter Reformtheoretiker zu sein scheint. Aus dem Repertoire der Vorbilder kann ruhig geschöpft und eine passende Mixtur zusammengestellt werden. So begeistert eilen nirgendwo die Stimmbürger zu den Urnen, um das jeweils geringere Übel zu erküren, als dass man Wahlparlamente gefüllt mit Parteisoldaten nicht durch Senate mit verdienstvollen und leistungsbewährten Persönlichkeiten ersetzen könnte. Diese Instanzen könnten auch kleiner gehalten werden, denn in einer Meritokratie besteht keine Notwendigkeit, eine Unzahl fachlich überflüssiger Parteifunktionäre zu versorgen. Staaten und Gesellschaften stehen und fallen mit ihrem Führungspersonal. Über Organisationsweisen nachzudenken, ist keine Entwicklung von Utopien. Überhaupt heißt "Utopie" das "Land nirgendwo". Die Meritokratie beherrscht aber immer noch weite Teile unseres Lebens, nur leider nicht mehr die heutige Politik, die sich nach innen der Intrige und nach außen der Demagogie verschrieben hat. Eine Herrschaft der Verdienstvollen kann also keine Utopie sein und ist äußerst realistisch. Sogar in der Vormacht der Demokratie, den USA, trägt die herrschende Plutokratie deutlich meritokratische Züge, nur die europäische Politik ist von Vergleichbarem nicht geprägt. In welcher Form auch immer, die Qualität sollte wieder Vorrang vor der Quantität genießen. Vor allem aber ist die Meritokratie demokratisch und eine echte Chance für das Überleben der Demokratie.
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