Das Amselfeld: Anfang und Ende Serbiens?

Es ist eine nicht zu leugnende Tatsache, dass die serbischen Regierenden jeglicher Couleur seit über hundert Jahren eine mitunter fanatisch-nationalistische Einstellung verbindet. War das Königreich Serbien seit dem blutigen Machtwechsel 1903 panslawisch orientiert, so mussten die nicht-serbischen Nationalitäten des SHS-Staates nach 1918 spätestens erkennen, dass die neue südslawische Einheit keineswegs zum Vorteil aller gedacht war. Umso schwerer traf der serbische Nationalismus natürlich diejenigen Nationalitäten, die nicht zu den Slawen gehören - für Albaner kein sonderlich guter Start, obwohl sie bereits seit Jahrhunderten im ursprünglich serbischen Kosovo leben. In den letzten Jahrzehnten gab es für diese Bevölkerung, die immerhin fast 90% der Einwohner des Kosovo stellt, nur selten Phasen, in denen Belgrad nicht versucht hat, sie kulturell oder gar physisch zu tilgen.

Die Sonderrechte, die in den frühen Siebzigern von den Albanern erreicht worden waren, wurden unter dem verbrecherischen Präsidenten Slobodan Milošević wieder rückgängig gemacht, der nächste Versuch, das Amselfeld nach über fünfhundertjähriger Unterbrechung wieder zu serbisieren wurde gestartet. Die bereits lange aufgebauten Mythen um die Entstehung der serbischen Nation, die mehrheitlich keiner seriösen Forschung standhalten, wurden erneut kolportiert und alsbald mit ebenso propagandistischen Geschichten von albanischer Seite beantwortet. Als schließlich das kosovarische Parlament den friedfertigen Ibrahim Rugova zum Präsidenten ausrief, konnte er trotz aller Bemühungen die Radikalen auf eigener Seite bald nicht mehr zurückhalten, und erneut floss auf dem Amselfeld Blut.

Die Unabhängigkeitserklärung des Kosovo ist eine logische Konsequenz des serbischen Verhaltens der letzten hundert Jahre. Die serbischen Regierungen tragen die Verantwortung für die horrende Situation im Kosovo, und letztlich ist der albanische Radikalismus, den sie dort bekämpfen, Kind ihrer eigenen Fanatismen. Serbien erklärt nun der Welt, das Kosovo wäre eindeutig sein Gebiet - richtig, rein vom historischen Status betrachtet ist es das, doch dann hat Österreich genausogut Anrechte auf die Schweiz, da dort die Habsburg steht... Hier wurde und wird zum wiederholten Mal deutlich, zu welchen blinden Abscheulichkeiten der Nationalismus Menschen bringen kann. Hätte Serbien akzeptieren können, dass in seinem historischen Gründungsgebiet mehrheitlich Albaner leben, gäbe es die heutige Situation nicht und viele Menschenleben wären verschont geblieben. Und könnte Serbien akzeptieren, dass nun wichtige Stätten seiner Geschichte eben in einem benachbarten Kleinstaat liegen, wodurch sie nicht weniger wert oder weniger existent werden, dann wäre Frieden im Kosovo, für beide Seiten.

Aber nein: Man spielt nun in Belgrad das Opfer, man hetzt ein ganzes Volk gegen die Welt auf, man nimmt damit sowohl sich selbst als auch dem Kosovo und den Serben, die darin leben, die Möglichkeit auf dauerhaften Frieden. Klar ist: Solange nicht ein Umdenken in Sachen Nationalitätsverständnis stattfindet, wird das Amselfeld auch weiterhin ein Schauplatz blutiger Auseinandersetzungen bleiben...