Der Islam: Eine neue Gefahr?

Kanzler Gusenbauer sagte kürzlich in der ORF-Pressestunde zum Thema Moscheenbauverbot, es wären ihm klar erkennbare Moscheen lieber, denn diese könnte man von Seiten der Staatssicherheit leichter überwachen.

Eine ungeheure Aussage, die die islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich als eine große Gruppe terrorverdächtiger Personen erscheinen lässt. Doch in dieser Aussage des Bundeskanzlers spiegelt sich wider, was bereits seit Auftauchen der Islamisten-Themen vor ca. 20 Jahren den Dialog mit dem Islam teilweise an den Rand des Unmöglichen bringt: Unwissenheit. Unwissenheit, was die religiös-kulturelle Identität des Islam angeht.

Für den heutigen Durchschnittsmenschen ist der Begriff Islam gerade in den letzten Jahren immer mehr mit negativen Klischees besetzt worden. Ihm drängen sich dabei Bilder von verschleierten Frauen, von sich zu Boden werfenden Bartträgern und Zwangsverheiratungen (zugegebenermaßen ein Problem, jedoch kein religiöses, denn der Islam verbietet diese eigentlich) und letztlich von explodierenden Autobomben und einstürzenden Gebäuden auf. Das ist der Islam, den der westliche Durchschnittsmensch kennt – und den bedauerlicherweise auch eine nicht geringe Anzahl von Politikern zu kennen scheint. Auch der österreichische Bundeskanzler muss sich über den Islam ähnliches denken, sonst hätte er sich zweifellos gewählter ausgedrückt.

Was ist also der Islam? Ein Gelehrter des Mittelalters beschrieb ihn als "christliche Häresie". Denn der Islam verehrt denselben Gott wie Christen und Juden, wie das Judentum macht er sich von ihm kein Bild, er kennt denselben Urvater Abraham und dieselben Propheten, schlussendlich auch Jesus, arabisch Isa, und die Jungfrau Maria (Mariam). Jesus ist einer der wichtigsten Propheten des Islam, laut Koran das "Wort Gottes" und derjenige, der am Ende der Welt die drei Schriftreligionen, das Judentum, das Christentum und den Islam, einen wird.

Die Liste von Gemeinsamkeiten ließe sich lange fortsetzen, jedenfalls ist sie länger als die Liste der Unterschiede. Man sieht also, dass der auf den ersten Blick fremde Islam der jüdisch-christlichen Kultur nicht unähnlich ist – eine logische Schlussfolgerung, bedenkt man das Entstehen des Christentums aus dem Judentum und das Werden des Islam aus diesen beiden. Das auch im Bezug auf die anstehende Mitgliedschaft der Türkei in der EU vorgebrachte Argument, der Islam sei nicht europäisch, ist ebenso haltlos und spiegelt zusätzlich zur kulturellen auch noch eine geschichtliche Unwissenheit oder gar Ignoranz wider. Der Islam hat in Europa eine jahrhundertelange Geschichte, die mit dem Einfall der Osmanen in Byzanz begann. Seit dieser Zeit gibt es auf dem Balkan eine islamische Kultur, die aber vollauf europäisch ist. Diese Tatsache war den Habsburgern bewusst, sie war auch Kaiser Franz Joseph bewusst, als er seine Herrscherrechte auf Bosnien und die Hercegovina erstreckte, und auch sein Urgroßneffe Erzherzog Otto arbeitet schon lange an einer Verständigung mit dem Islam und seiner Anerkennung in Europa.

Österreich verbindet mit dem Islam eine lange gemeinsame Geschichte, nicht nur durch die Militärgrenze zum Osmanischen Reich, sondern auch durch die Tatsache, dass bereits 1874 Österreich den Islam anerkannte, lange vor allen anderen europäischen Staaten, und auch islamische Geistliche in der bewaffneten Macht hatte. Damals kam niemand auf die Idee, gegen einen Moscheenbau zu protestieren – ehrlich gesagt wäre eine Moschee in manchen Fällen weit weniger "ortsbildverschandelnd" als so manche moderne Stahlträgerkonstruktion… Ganz abgesehen davon: Keine der islamischen Gemeinden, die eine Moschee baut, hat bisher darauf bestanden, auch einen Gebetsrufer einzustellen, was die einzige verständliche Störung darstellen könnte. Das ist nicht verwunderlich, denn so wie in islamischen Gebieten Christen ihre Glocken nicht läuten dürfen, weil dadurch die Muslime in ihrem Gebet gestört werden können, ist es für Muslime logisch, als Minderheit nicht auf eine die Mehrheit störende Religionsausübung zu bestehen.

Es ist wichtig und essenziell für die Zukunft, sich am Umgang der Habsburger mit der Religion Mohammeds zu orientieren und zu erkennen, dass man es hier nicht mit der Religion von Terrorverdächtigen und Mördern, sondern der einer langen wissenschaftlich und kulturell fortschrittlichen Kultur zu tun hat. Nur indem man einer anderen Religion und Kultur Respekt entgegenbringt, kann man mit dieser in Dialog treten und sie letztlich auch integrieren.

Dabei soll natürlich die große Gefahr, die von terroristischen Kreisen ausgeht, nicht vergessen werden - welche Mittel mitunter Terroristen aus dem islamistischen Bereich zur Verfügung stehen, konnte man in letzter Zeit allzu häufig beobachten. Doch diese Gefahr lässt sich nicht bannen, indem man, wie es durch FPÖ und BZÖ nicht nur in letzter Zeit geschieht, den Islam dämonisiert und Gläubige am Ausüben ihrer Religion hindert – nein, die Terrorgefahr muss zusammen mit dem Islam bekämpft werden, denn die Verhinderung des Abdriftens von Einzelnen in fanatisch-religiöse Kreise liegt in erster Linie in seiner Verantwortung.